1. Juni 2011

Letzte Schritte

Wir wollten wie jedes Jahr die Brücke machen über Auffahrt, für ein paar Tage irgendwohin fahren und ausspannen. Doch dieses Mal wird nichts daraus, denn am nächsten Dienstag wird eine gute Freundin meiner Frau sterben.

Sie leidet seit langem an einer schweren Krankheit und ist jetzt an dem Punkt angelangt, wo sie zum Pflegefall würde, bis sie in einigen Monaten oder Jahren eines natürlichen aber schmerzhaften Todes stürbe. Darum hat sie sich entschlossen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Und weil sie dafür aufgrund ihres Gesundheitszustands auf professionelle Hilfe angewiesen ist, musste sie sich im Voraus auf ein bestimmtes Datum festlegen.

Eine solche feste zeitliche Planung des eigenen Abgangs ist für mich schwer vorstellbar. Ich beanspruche zwar auch das Recht, dereinst selber darüber zu entscheiden, wann und wie ich sterben werde. Aus diesem Grund bin ich schon seit mehr als zehn Jahren Mitglied der Sterbehilfeorganisation Exit. Den konkreten Zeitpunkt möchte ich aber spontan bestimmen und höchstens im engsten Kreis bekannt geben. So jedenfalls habe ich mir das bis jetzt als selbstverständlich vorgestellt.

Vielleicht sieht das aber auch ganz anders aus, wenn man an dem Punkt angekommen ist. Vielleicht ist die Vorstellung eines festgelegten Zeitpunkts für die zurück Bleibenden schwieriger als für den, der geht. Vielleicht ist es sogar für beide Seiten besser, auf diese Weise geordnet voneinander Abschied zu nehmen. Vielleicht... Leicht sind diese letzten Schritte im Leben eines Menschen sicher nie. Schon gar nicht für die Kranke selbst. Aber auch für meine Frau nicht, die ihrer inzwischen körperlich stark beeinträchtigten Freundin in diesen letzten Tagen hilft - beim Aufräumen der Wohnung genau so wie beim Kauf von 70 Briefmarken für die Abschiedsbriefe.

Kommentare:

  1. Hallo (wieder einmal...)
    Diese Geschichte stimmt mich heute noch nachdenklicher; das derzeitige Wetter passt ja dazu.
    Erinnerungen werden wach; damals im Jahr 1997. Meine Muter befand sich im Endstadium (Spital, Krebs). In den letzten Tagen bettelte sie regelrecht danach, man möge sie von ihren Leiden befreien. Auch mich bettelte sie an - die eigene Mutter. Ich selbst brachte es nicht über das Herz, es zu vollziehen. Gestorben ist sie dann - und schlussendlich wohl mit Hilfe einer anderen Person, welche sie in dieser schweren Zeit unterstützt und auch besucht hat.
    Für mich als Nahestehender war es im Anschluss wie, als würde ein grosser Stein vom Herzen fallen - das klingt jetzt vielleicht hart. Aber es war so. Die Zeit der Trauer kam dann erst ca. sechs Monate später. In bezug auf den Betroffenen selbst - in dieser Lage, mit diesen unvorstellbaren Schmerzen - bleibt mir die Hoffnung, dass es so am besten für sie war. Sie wollte es so (war kein Mitglied einer Sterbeorganisation). Wissen werde ich es nie. Vielleicht einmal, wenn ich sie irgendwo, irgendwann wieder treffen werde...

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  2. WOW, schwerer Fall! habe dieser Tagen selber nochmal die letzte Tagen des Leben meiner Mutter (im Kopf) erlebt... diese Entscheidung brauchten wir zum Gluck nicht zu treffen, ihr Ende kam plotz ziemlich schnell, wenn auch 20 Jahren zu früh :-(
    Alle Achtung für deine Frau, sie ist eine echte Superfreundin, schade das die Freundschaft jetzt so enden muss!

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  3. Herzlichen Dank für diesen Bericht. Der letzte Weg ist der schwerste Weg. Viel Kraft für die folgende Zeit. Schade das den geliebten Menschen so wenig Zeit bleibt.

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