25. Februar 2010

Wie alles begann vor 29 Jahren



Heute sind es genau 29 Jahre her, dass die Verwaltungskommission des Bundesgerichts mich als Berichterstatter akkreditiert hat. Zurück blickend wird mir klar, wie viel sich in fast drei Jahrzehnten auf Mon Repos in Lausanne verändert hat. Was heute ein gut zehnköpfiges Generalsekretariat ist, bestand damals aus einem Gerichtsschreiber sowie einer Sekretärin und nannte sich Kanzleidirektion. Die Geschäftskontrolle wurde handschriftlich in einem immensen Buch von mehreren Kilo Gewicht geführt, in das ich als neu aufgetauchter Journalist erst Einblick erhielt, nachdem man mir einen seriösen Umgang mit den Persönlichkeitsrechten zutraute. Denn das leidige Anonymisieren wurde erst viel später eingeführt, im Jahre 1994 um genau zu sein.


Arbeitsplätze für Berichterstatter gab es keine damals, trotz wiederholtem Fragen. Das Problem löste einmal mehr die normative Kraft des Faktischen, indem die Journaille kurzerhand das nie benutzte Anwaltszimmer in Beschlag nahm. Ebenso wenig gab es eine Infrastruktur zum Übermitteln von Texten. Die Manuskripte wurden per Kurzmarathon oder in waghalsiger Autoralley zur Hauptpost am Place St. François gebracht und dort per Telex an die Redaktionen übermittelt. Da die tippenden Damen nicht deutscher Muttersprache waren, entstanden verständlicherweise viele Fehler, und einmal wurde aus der guten alten Willkür gar die neue Rechtsfigur Willkuss! So erstaunt kaum, dass die elektronische Textverarbeitung in den heiligen Hallen auf Mon Repos zu allererst auf den Knien der Journalisten Einzug hielt. Zusammen mit einem Sportjournalisten war ich der erste Vertreter meiner Zunft in der Schweiz, der sich so ein Gerät mit einem Bildschirm von acht Zeilen anschaffte, dank dem man ein paar Seiten schreiben und diese dann auch noch - per Telefonhörer und Akustik-Koppler - an die Redaktion übermitteln konnte. Das alles sind tempi passati, und heute stehen den Journalisten am Bundesgericht in Lausanne eine Infrastruktur und ein Service vom Feinsten zur Verfügung. Wie sehr wir verwöhnt werden, merke ich immer dann, wenn ich mich mit anderen Gerichten dieses Landes herumschlagen muss.



Aus meiner Sicht nicht zum Guten verändert hat sich im Verlaufe der 29 Jahre die Umgangskultur. Während die Richter bei Differenzen untereinander oder mit der Journaille früher kein Blatt vor den Mund nahmen und auch einmal auf den Tisch klopften, werden Fäuste seit langem nur noch im Sack geballt. Während ich früher schon mal zur Kopfwäsche zitiert wurde, mich anschliessend aber auch verteidigen oder entschuldigen konnte, erfahre ich heute nur noch um mehrere Ecken herum, welcher Richter über mich lästerte und gegenüber welchem Kollegen, der dann seinem Mitarbeiter darüber berichtete, der das Büro gleich neben einem anderen hat, der wiederum ... Von den Richtern, die ich 1981 angetroffen hatte, ist seit Ende 2001 keiner mehr im Amt.

Anfangen wollte ich meine Berichterstattung damals auch beim Eidgenössischen Versicherungsgericht in Luzern, das 2007 mit dem Bundesgericht fusioniert wurde. Doch eine Presse-Akkreditierung gab es dort damals gar nicht, weil ein Gerichtsschreiber das Monopol beanspruchte, jeweilen am Freitagnachmittag über die Schweizerische Depeschenagentur zu verbreiten, was das Gericht an Wichtigem entschieden hatte. Ein etwas liberaler als andere denkender Präsident setzte dem Spuk schliesslich ein Ende, doch herrscht am Standort Luzern leider auch heute noch immer eine Art Wagenburg-Mentalität.
fel.

PS: Auch nach 29 Jahren möchte ich meinen Job gegen keinen anderen tauschen, und daher werden mich meine medialen Opfer, so Gott und die NZZ wollen, noch ein paar Jahre ertragen müssen.

Eine Art Fortsetzung der Geschichte findet sich auf dem Kalenderblatt vom 9. Mai 2011.

Kommentare:

  1. Bitte öfters mal darüber schreiben, wie es früher war!

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  2. Das will ich sehr gerne bei Gelegenheit(en) tun, lieber A. ! fel.

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  3. Ein interessanter Beitrag, danke!

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