21. Februar 2011

Muttersprachliches

Heute ist der internationale Tag der Muttersprache. Und dass der heute ist, ist nichts als logisch. Der könnte nicht gestern gewesen sein, und der könnte nicht morgen sein. Der könnte an überhaupt keinem anderen Tag als heute sein. Denn heute ist
der 21. Februar, und am 21. Februar hat meine Mutter Geburtstag. Und von ihr habe ich meine Muttersprache.

Meine Muttersprache ist das Schweizerdeutsch. Ob es alle wissenschaftlichen Anforderungen an eine eigenständige Sprache erfüllt, mag offen bleiben. Auf jeden Fall ist es viel weiter entfernt von der deutschen Sprache - dem Hochdeutschen, wie wir sagen - als ein deutscher Dialekt. Wie fremd das Schweizerdeutsch dem Deutschen ist, wissen all jene Deutschen, die es zu erlernen versucht haben. Umgekehrt ist Deutsch für Schweizer eindeutig eine Fremdsprache, die sie in der Schule erst einmal lernen müssen. Früher geschah das sehr ungern. Seit der zunehmenden Einwanderung von Kaderpersonal aus Norden gibt es die zusätzliche Motivation, dass man ja dereinst im Arbeitsleben seinen Chef verstehen möchte...

Die Schweiz achtet Minderheiten, jedenfalls wenn sie hier im Land gewachsen sind. Selbst die von lediglich gut 30'000 Menschen als erste Sprache verwendete rätoromanische Sprache ist als offizielle Amtssprache anerkannt. Nicht so das Schweizerdeutsch als Muttersprache der weitaus grössten Bevölkerungsgruppe. Das heisst indes nicht, dass Deutschschweizer eine unterdrückte Mehrheit wären. Die Diskrimination des Schweizerdeutschen ist vielmehr selbstgewollt, und das aus gutem Grund. Es gibt nämlich gar kein Schweizerdeutsch, sondern ein Züritüsch und ein Bäärndüüdsch und ein Baaseldytsch und so beliebig weiter. Und das Bäärndüüdsch zerfällt in das der Stadt und das des Oberlands und das des Emmentals. Und diese wiederum sind alles andere als homogen und so geht es in der ganzen deutschen Schweiz zu und her. Selbst in der einen Stadt Basel wird links und rechts des Rheins nicht das gleiche Baaseldytsch gesprochen. Wer glaubt, alle Deutschschweizer würden sich so ohne Weiteres verstehen, soll einmal zuhören, wenn ein Rheintaler und ein Lötschentaler sich sprachlich begegnen. Um Schweizerdeutsch zur Amtssprache zu machen, müsste eine künstliche Einheitssprache geschaffen werden, wie das die Rätoromanen mit dem Rumantsch Grischun getan haben. Das aber ist für den pragmatischen Deutschschweizer zu viel Aufwand, wenn man dafür genau so gut die Muttersprache der Nachbarn im Norden nehmen kann, die man aus den gleichen Gründen ohnehin noch immer mehrheitlich für den schriftlichen Verkehr verwendet. Und so prangt denn auf der kleinsten Schweizer Banknote neben «Dix Francs» und «Dieci Franchi» und «Diesch Francs» nicht «Zächä Frangge» oder «Zä Franggu» oder «Ze Franke», sondern hochdeutsch «Zehn Franken». Und alle sind zufrieden, zumal dem Deutschschweizer der Wechselkurs zum Euro eh wichtiger ist, als die Beschriftung.

Kommentare:

  1. Auch wenn ich natürlich wenn immer möglich Dialekt, also Berndeutsch, spreche, nenne ich meine Muttersprache immer Deutsch. Das, was wir Schriftdeutsch nennen, habe ich aber nicht mit dem Schreiben gelernt, sondern mit Fernsehen. Und das dürfte für Jüngere erst recht gelten.

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  2. Natürlich lernen es einige am Fernsehen, andere aber erst in der Schule, und nicht wenige gar nie! Und Muttersprache ist für mich die Sprache, in der man denkt, und flucht, und die Liebe gesteht... Also im Falle fast aller Schweizer nicht das Hochdeutsche!

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  3. Träfer Artikel, gefällt mir.
    Als Ergänzung dies: Dialekt wird zum Dialekt wenn grammatikalische Unterschiede zur Stammsprache vorhanden sind. Also wie Allemannisch das gegenüber Germanisch keine direkte Vergangenheit kennt. Sonst spricht man von Mundart. So gibt es zum Beispiel keinen Berner-Dialekt, aber Berner-Mundart.
    Und nein, ich bin kein Deutschlehrer, aber ich befasse mich mit Sprachen.

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