31. Januar 2011

... und kein bisschen Weise

Es stimmt nicht, dass ich vergangene Woche meinen 60. Geburtstag gefeiert habe. Er stand zwar an, dieser Geburtstag, aber gefeiert habe ich ihn nicht. Ich hatte schon mit 20 nicht verstanden, was es da zu feiern geben sollte, ich verstehe es mit 60 nicht, und ich werde es auch mit 80 nicht verstehen. Über den 100. können wir ja dann reden...

Nicht dass ich Mühe hätte mit dem Alter, ganz im Gegenteil. Mir gefällt es eigentlich immer besser auf diesem Planeten, und ich möchte keineswegs nochmals 20 oder sonstwie jünger sein. Und wer wie ich sein Leben lang ein wenig Kindskopf bleibt, hat mit dem Altern eh kein Problem. Ich weiss lediglich nicht, was es da zu feiern geben soll, wenn jeweilen ein Vielfaches von 365 Tagen seit meiner Geburt verstrichen ist. Ich trug dazu nichts bei. Abgesehen davon, dass ich noch keinen Grund sah, mich eigenmächtig von dieser Welt zu verabschieden.

Ich wollte daher auch nicht, dass mein rundes Wiegenfest auf Twitter oder Facebook zum Thema wird, und legte vorsichtshalber eine falsche Fährte, die zum 26. Februar führt. Die eigene Ehefrau konnte und wollte ich damit natürlich nicht irreleiten. Aber dass sie mir am Morgen nicht nur im realen Bett, sondern kurz darauf auch noch auf Twitter gratulieren würde, ahnte ich nicht voraus. Zum Glück sah ich den Tweet als einer der ersten und konnte @mjmlingua dazu bewegen, ihn wieder zu löschen. Drei Stunden später traf mich der Schreck erneut, als @pfarrerpohl mir gratulierte, nachdem er weiss der Geier warum auf meinen Wikipedia-Eintrag gestossen war. Ich konterte mit der Lüge, mein Geburtstag sei erst im Februar, und erreichte per DM, dass der nette Pfarrer gute Miene zum bösen Spiel machte. Am Abend dann stach mich dann der Hafer, und ich erwähnte das gefürchtete Wort auch noch selber auf Facebook:


Und wenn jetzt einer nachträglich noch gratulieren will, muss er mit dem schlimmsten rechnen!

30. Januar 2011

Swiss people only


Tamiflu stammt zwar aus der Schweiz, kann aber in beliebigen Ländern gegen Grippe eingesetzt werden. Nicht so das oben abgebildete neueste Produkt aus dem Hause Roche, das gegen Ärger aller Art wirkt, aber nur von Deutschschweizern vertragen wird.

Anmerkung für Nicht-Deutschschweizer: Tamisiech ist einer der beliebtesten Kraftausdrücke in der Schweiz. Energisch und lautstark ausgesprochen ist es ein ausgesprochenes Schimpfwort. Sanfter artikuliert kann das gleiche Wort aber auch Anerkennung oder gar Zärtlichkeit ausdrücken. Der Bestandteil Tami ist eine Verkürzung des eigentlichen Fluchworts Gopfertami (Gott verdamme mich). Und Siech ist eine auch im Hochdeutschen bekannte Bezeichnung für einen Kranken. Diese Bedeutung ist allerdings in der Schweiz nur noch im Verb umesieche (für bettlägerig dahinvegetieren) gebräuchlich. Das Substantiv Siech steht bivalent je nach dazu gesetztem Adjektiv: Blöde Siech oder liebe Siech...

Richterakademie

Wie schon im Kalenderblatt vom 29. Januar 2011 erwähnt durfte ich am Samstag an der Richterakademie in Luzern zu 32 angehenden oder bereits amtierenden Richtern darüber sprechen, wie Justiz von aussen wahrgenommen wird. Dass dabei Twitter und Facebook im Zentrum standen, war aufgrund der kleinen Umfrage vorgegeben, laut der insbesondere Twitter bei der Wahrnehmung von Justiz eine immer wichtigere Rolle spielt.

Ich bildete mir ein, nach 30 Jahren Gerichtsberichterstattung bei der Einschätzung von Justitias Jüngern keinen Illusionen mehr zu erliegen. Und ich erlag einmal mehr. Auf meine Frage, wer irgendwelche Erfahrungen mit Facebook oder Twitter habe, erhoben sich im Hörsaal zögerlich zwei Hände. Mit einem knappen Drittel der 32 Kursteilnehmer hatte ich fest gerechnet...

Dass Richter nicht zum aktiven Twittern prädestiniert sind, wurde schon auf dem Kalenderblatt vom 4. März 2010 erörtert. Mir ist klar, dass die Schweizer Justiz auf Twitter nicht durch einen so begnadeten Kommunikator vertreten sein kann, wie es die katholische Kirche mit @AbtMartin ist.  Dass aber die neuen Medien mit all ihren Chancen und Gefahren in den Gerichten dieses Landes schlicht nicht zur Kenntnis genommen werden, ist doch erschreckend. Ich versuchte, den amtierenden und angehenden Richtern in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit klar zu machen, dass sie sich auf eine völlig neue Art von Information, Diskussion und Agitation einstellen müssen. Insbesondere wenn die Justiz zu Recht oder zu Unrecht ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Konnten bisher justizfeindliche Internetseiten von Querulanten einfach durch Gerichtsbeschluss gesperrt werden, wird dieser Behelf gegen eine Kampagne auf Twitter wirkungslos bleiben. Wie viel von meinen Darlegungen aufgenommen wurde, weiss ich nicht. Als unverbesserlicher Optimist bin ich indes überzeugt, dass die 32 Kursteilnehmer Facebook nicht länger als Fotoalbum für Teenager abtun werden. Und erliege vielleicht einer weiteren Illusion...

29. Januar 2011

Blick auf die Justiz

Im Kalenderblatt vom 20. Dezember 2010 hatte ich um Mithilfe gebeten bei einer kleinen Untersuchung zur Frage, wie die Justiz wahrgenommen wird. Die Auswertung diente als Grundlage für einen Vortrag an der Richterakademie in Luzern. Und nachdem die Veranstaltung heute Vormittag stattgefunden hat, veröffentliche ich hier wie damals versprochen eine Zusammenfassung der Auswertung, wie sie auch den Kursteilnehmern abgegeben wurde.

Repräsentativ kann und will die Umfrage nicht sein. Das gilt vor allem für den Kreis der angegangenen Personen, die über Blog, Twitter, Facebook und mein eMail-Adressbuch kontaktiert wurden. Doch trotz des dadurch vielleicht etwas willkürlich gewählten Blickwinkels dürfte die sich abzeichnende Sicht auf die Justiz zumindest tendenziell richtig sein. Bei der Auswertung wurde unterschieden zwischen Personen (66), die beruflich mit der Justiz zu tun haben und den übrigen Personen (185). Die Sicht der beiden Gruppen variiert nicht unerwartet, wenn auch nicht extrem. Überrascht hat mich persönlich nur, wie klein der Unterschied bei der Bewertung des Vertrauens in die Justiz ist. Bei einer Skala von 1 (positiv) bis 5 (negativ) hätte ich erwartet, dass die selbst in der Justiz tätigen Personen das Vertrauen mit weniger als 2 und die anderen höher als 3 bewerten würden. Tatsächlich liegen beide Werte nahe beieinander knapp unter 2,5. Das Vertrauen in die Justiz wird übereinstimmend realistisch eingestuft. Nicht so astronomisch hoch, wie einige es sich erträumen, aber klar über dem Mittelwert von 3.

28. Januar 2011

Scheintote Politiker

Im Hinblick auf die im Herbst stattfindenden Parlamenteswahlen in der Schweiz bin ich daran, mich mit den auf Facebook vorhandenen Politikern «anzufreunden». Bereits diese erste Prozedur hinterlässt ganz unterschiedliche Impressionen. Die einen beantworten die Anfrage innert Stunden oder noch schneller. Andere reagieren innert Tagen, und einige vielleicht gar nie. Das zu interpretieren ist relativ heikel: Nehmen nun die einen Facebook nicht genug erst oder kümmern die anderen sich zu wenig um Amt und Beruf? Oder muss man auch im realen Leben auf die einen etwas länger warten als auf die anderen?

Wenig ergiebig ist, was sie zurzeit absondern auf Facebook, die Politiker. Die meisten geben nicht mehr von sich als in regelmässigen Abständen die stereotype System-Meldung, sie seien nun «mit Y und 9 anderen befreundet». Allerdings hat ja die heisse Phase des Wahlkampfs noch gar nicht begonnen. Vielleicht sammeln sie erst ihr höriges Fussvolk, und wir werden im Herbst eine Massenauferstehung von den Scheintoten erleben.

24. Januar 2011

Twitters Logik

Seit heute folgt mir die liberale Nationalrätin Christa Markwalder, und ich verfolge sie nun ebenfalls. Hierauf schlug Twitter mir vor, doch auch den Grünen Aargau zu folgen. Was weder geografisch noch parteipolitisch zwingend ist. Zur Kenntnis nehmen muss ich Twitters Logik. Verstehen muss ich sie zum Glück nicht!

Schlechter Helfer

Mir fehlt ein Gen. Ich könnte nicht Krankenschwester sein oder Arzt, denn mir fehlt das Helfersyndrom. Oder eben das Gen, welches das Hormon ausschüttet, das uns anderen zu Hilfe eilen lässt. Ganz besonders schön zeigte sich das einmal bei einer Bootsfahrt auf dem Vierwaldstättersee. Wir konnten zusehen, wie ein Gleitschirmsegler in Turbulenzen geriet und schliesslich etwa 250 Meter neben uns ins Wasser stürzte. Ich rückte meinen Kapitäns-Stuhl zurecht und machte es mir bequem, um die erwarteten Bergungsarbeiten zu beobachten. Bis meine Frau vorsichtig fragte, ob nicht ich als Führer des am nächsten an der Unfallstelle liegenden Schiffs zu Hilfe eilen müsste.

Ebenso wenig reagiere ich, wenn auf Twitter entlaufene Katzen, unliebe Bösewichte oder vermisste Kinder gesucht werden. Kein Gen schüttet ein Hormon aus, das mich zu einem Retweet zu bewegen vermöchte. Bis gestern, da wollte auch ich einmal ein guter Mensch sein und schickte einen Aufruf zur Suche eines Knochenmarkspenders an meine Follower weiter. Ich machte mich weltweit lächerlich, weil ein Spender der Blutgruppe AB gesucht wurde. Hatte doch keine Ahnung, dass die Blutgruppe bei Knochenmarkspenden belanglos ist.

Ich denke, es ist allen geholfen, wenn ich nicht helfe!

22. Januar 2011

Neuer Name

Gestern habe ich meinen bisherigen Twitter-Namen @felnzz in @fel_ch geändert und damit unerwartet viel Unsicherheit und Spekulationen ausgelöst. Dabei ist alles ganz harmlos und unspektakulär: Ich werde genau gleich weiter twittern wie bisher. Und ich werde haargenau gleich für die NZZ tätig sein wie bisher.

Als ich mit Twitter anfing, wollte ich in erster Linie auf die Justiz-Berichterstattung in der NZZ verlinken. Da lag die Verbindung meines Kürzels «fel.» mit der Marke NZZ nahe. In der Folge twitterte ich dann allerdings viel mehr, als zunächst geplant war, und auch über viel anderes. Gleichzeitig wurde das Namenselement «nzz» immer öfter als Hinweis auf einen offiziellen NZZ-Auftritt wahrgenommen. In dieser Situation lag es nahe, meine Web-Domain (fel.ch) zum neuen Namen zu machen.

Der Wechsel scheint auch eine positive Nebenwirkung zu haben, auf die ich leise hoffte. Während ich in letzter Zeit jede Woche mehrere Dutzend kommerzielle Follower blocken musste, ist seit der Änderung kein einziger mehr angetanzt. Ob das wegen des Wegfalls der drei berühmten Buchstaben nzz ist oder wegen des Wechsels an sich, weiss ich nicht. Hoffe einfach, dass der Effekt von Dauer sein wird...

20. Januar 2011

Ausländer und Ausländer

@martinsteiger hat heute via Twitter auf die aktuellen Zahlen zum Strafvollzug in der Schweiz verwiesen (Link dazu). Daraus geht unter anderem hervor, dass 2010 der Ausländeranteil in den helvetischen Gefängnissen gerundete 72 % betrug. Auch wenn man davon die Ausschaffungshaft in Abzug bringt, die per definitionem keine Schweizer betreffen kann, verbleibt ein Anteil von über zwei Dritteln. Das erscheint auf den ersten Blick extrem hoch, zumal wenn im Auge behalten wird, dass lediglich 22 % der Wohnbevölkerung Ausländer sind. Ein vertiefender Blick auf die dem Strafvollzug zugrunde liegenden Verurteilungen (Link zur Statistik), zeigt indes ein differenzierteres Bild.

Fokussiert man auf die offiziell registrierte Wohnbevölkerung, wurden 2009 gut 63'000 Erwachsene strafrechtlich verurteilt. Davon waren 33 % Ausländer. Das ist zwar mehr als ihr statistischer Bevölkerungsanteil, aber mit einem Drittel nur halb soviel wie der Ausländeranteil in den Gefängnissen. Das rührt unter anderem daher, dass im Jahre 2009 nicht nur die erwähnten 63'000 in der Schweiz wohnhaften Personen verurteilt wurden, sondern weitere 25'000 Menschen ohne Wohnsitz im Land. Dabei handelt es sich um illegal anwesende Ausländer, Touristen und zu einem kleineren Teil um Personen im Asylprozess.

Nur am Rande sei angemerkt, dass die umstrittene Ausschaffungsinitiative diesen 25'000 Kriminellen gegenüber wirkungslos bleiben wird, weil sie die Schweiz auch ohne Initiative verlassen müss(t)en. Wo der Staat das - wie etwa gegenüber renitenten abgewiesenen Asylbewerbern - nicht durchsetzen kann, vermag auch die Initiative nicht zu helfen.

7. Januar 2011

Du sollst nicht sterben

Sobald die Zahl der Verkehrstoten für einmal nicht abnimmt oder die Suizidrate ansteigt, treten Politiker oder andere Lobbyisten auf den Plan und fordern Massnahmen. So werden munter Kampagnen losgetreten gegen alle möglichen Todesursachen wie Krebs, Aids, Drogen oder Herzinfarkt. Der moderne Mensch soll weder an einer bekannten Krankheit, noch durch Unfall oder die eigene Hand aus dem Leben scheiden. Doch woran denn eigentlich? Wenn man gewisse Zeitgenossen reden hört, offenbar überhaupt nicht. Sterben scheint politically incorrect oder zumindest uncool geworden zu sein.

Gestorben wird jedoch trotzdem, solange der Mensch sterblich ist. Mit all den Kampagnen lassen sich höchstens die Anteile der einzelnen Todersursachen leicht verschieben. Wer dank einer Verbesserung der Verkehrssicherheit nicht überfahren wird, setzt sich vielleicht den goldenen Schuss. Und wer vom Suizid abgehalten werden kann, lebt möglicherweise lange genug, um einem Krebs zu erliegen. Das Ganze bliebt weitgehend eine Nullsummenspiel. Abgesehen davon, dass die durchschnittliche Lebenserwartung angehoben wird. Genau das aber ist in einer zunehmend überalterten Gesellschaft  alles andere als erwünscht.

Man verstehe mich nicht falsch: Die Verkehrssicherheit verbessern macht mit Blick auf die dadurch vermiedenen nicht tödlichen Verletzungen durchaus Sinn. Genau so wie Massnahmen zur Steigerung der Gesundheit und des Wohlbefindens. Gegen einzelne Todesarten anzutreten dagegen ist kaum intelligenter als ein Kampf gegen Windmühlen.

6. Januar 2011

Zürich und das Bundesgericht

Haben die Zürcher ein Problem mit dem Bundesgericht? Oder vielmehr keines? Die Fragen stellen sich ernsthaft: Im Jahre 2010 ist in den Kantonen Aargau, Bern, Luzern und Basel-Stadt der Begriff Bundesgericht doppelt bis vier Mal so häufig gegoogelt worden wie im grossen Kanton Zürich. Ein Vergleich nach Städten zeigt ein praktisch identisches Bild: In Bern, Luzern, Basel und selbst in Otelfingen wurde häufiger per Google nach dem Bundesgericht gesucht als in der Stadt Zürich. (Link zu GoogleTrends)

Vielleicht liegt es daran, dass in Zürich generell weniger gegoogelt wird als anderswo. Bei der Suche nach anderen banalen Worten wie Geld, Kirche oder Banken rangiert der grosse Kantons nämlich noch weiter hinten als bei der Bundesgerichts-Suche.  Und auch mit Stichworten wie Sex oder Porno schaffen es die Zürcher lediglich auf Platz 4. Einzig bei der Suche nach dem Begriff Bögg findet sich Zürich konkurrenzlos auf dem ersten Rang.

5. Januar 2011

Fleischkäse tut weh

Fleischkäse sagen wir Deutschschweizer. In der Westschweiz heisst er Italienerkäse (fromage d'Italie). Und in München, wo er im 18. Jahrhundert vom Bayrischen Kurfürsten Karl Theodor und seinen aus Mannheim mitgebrachten Metzgern kreiert wurde, heisst er Leberkäs. Da das Produkt jedoch in der Regel weder Leber noch Käse, aber immer Fleisch enthält, wäre laut Wikipedia die Schweizer Bezeichnung Fleischkäse der treffendere Begriff.

Wenn ich im Restaurant die Speisekarte studiere und nach wenigen Sekunden schon wieder auf den Tisch lege, sagt meine Frau: «Aha, es gibt Fleischkäse!» Sehr oft ist das in der Schweiz leider nicht der Fall, denn der Fleischkäse gilt als mindere Ware oder Filet für Arme. Ich allerdings lasse dafür jedes Filet für Reiche links liegen und wähle den Fleischkäse, sofern es ihn gibt auf der Speisekarte. In München gibt es ihn nicht nur auf den meisten Speisekarten, sondern auch noch in jeder zweiten Strasse zum Mitnehmen in einer Semmel. Wie viel ich davon ass, zwischen Weihnacht und Silvester in München, weiss ich nicht. Ich hielt mich an Konstantin Weckers «Genug ist nicht genug!». Normalerweise setzt die Natur mir Schranken, indem mein Gichtgelenk im rechten Fuss sich bemerkbar macht. Dieses Mal hatte ich harnsäuresenkende Medikamente dabei und hielt bis zum Schluss durch. Heute Nacht allerdings hat die Gicht mich eingeholt. Und ich werde wohl eine Woche lang teuer bezahlen für meine Völlerei.

Die letzten drei Portionen davon erstand ich übrigens bei Vinzenzmurr am Münchner Hauptbahnhof. Als ich im Zug nach Zürich genüsslich in die erste Semmel biss, stillte im Abteil nebenan eine Mutter ihr Kind. Da fiel mir auf einmal die frappante Ähnlichkeit auf - rein farblich natürlich - zwischen Mutterbrust und Leberkäs. Und seither frage ich mich, ob ich vielleicht zu wenig vom einen erhielt und mich nun am anderen schadlos halte. Ob die Diagnose stimmt, und welches die adäquate Therapie wäre, bleibe dahingestellt. Denn geheilt werden will ich ja gar nicht von meiner Gier.

3. Januar 2011

Zweifelhafte Vielfalt

Es erstaunt immer wieder, wie bisweilen über ein und dasselbe Gerichtsurteil in den Medien völlig unterschiedlich berichtet wird. Soeben habe ich bei einer Recherche zufällig festgestellt, dass sogar ein und dasselbe Medium zu derart unterschiedlicher Interpretation eines Urteils fähig sein kann. Es geht um den Komiker Dieudonné, dem die Stadt Genf wegen seiner antijüdischen Äusserungen keinen Theatersaal vermietet hatte. Wer die Berichterstattung über das Urteil des höchsten Schweizer Gerichts in der Sache googelt, findet auf der Webseite des Schweizer Radios DRS zwei Dokumente von ganz unterschiedlicher Qualität (Link zum PDF). Im einen ist die Rede davon, dass die Stadt Genf sich strafbar gemacht habe, weil sie Dieudonné öffentliche Auftritte verboten habe. Im anderen ist die korrekte Version zu lesen, wonach die Stadt Genf das Recht auf freie Meinungsäusserung verletzt hat, als sie als Inhaber staatlicher Gewalt die Vermietung des Saals ablehnte. Einzig die absurde Behauptung, Dieudonné sei ein öffentlicher Auftritt verboten worden, findet sich leider in beiden Versionen...

1. Januar 2011

Bettelgenossen

Wäre der Absender deutlich erkennbar gewesen, hätte ich das Couvert wie andere Bettelbriefe ungeöffnet und unfrankiert retourniert. Aber ich wollte einfach partout nicht glauben, dass es die Sozialdemokratische Partei der Schweiz ist, die sich  sich kaschiert hinter den Buchstaben S und P an mich wendet. Aber sie wandte sich tatsächlich. In Gestalt der kaum aus dem Amt geschiedenen Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer teilten die leninistischen Genossen mir schwarz auf weiss mit: «Ein wichtiges Jahr beginnt!»

Sie meinen natürlich das Wahljahr und wollen dafür Geld von mir. Ein Einzahlungsschein ist bereits ausgefüllt. Strafbar ist das ja nur bei Wahlzetteln. Der zweite ist offenbar für Leute gedacht, die des Schreibens selber kundig sind. Frage mich nur, wie die auf den hirnverbrannten Gedanken kamen, ausgerechnet mich anzubetteln. Ich habe mit politischen Parteien nämlich generell kaum etwas am Hut, mit SP und SVP noch weniger. Dabei sind diese beiden zusammen ein ausgesprochen interessantes Gespann. Die SP sorgt sich rührend für Alte und Arme, die längst SVP wählen. Und lässt sich ihrerseits von Gutmenschen wählen, die aufgrund ihrer Interessenlage eigentlich SVP wählen sollten. Zudem lassen sich beide immer wieder faktisch auf unheilige Allianzen miteinander ein wie zuletzt bei der Bekämpfung des Gegenvorschlags zur Ausschaffungsinitiative. Allerdings bleibt das Agieren der Genossen nicht ganz unerwartet ziemlich linkisch, so dass sich das Ganze am Wahltag unter dem Strich für die anderen auszahlt.

Es ist schlicht absurd, wenn die Frau Bruderer mich schamlos um Geld anbettelt. Ich will nicht, dass die SP mit ihrer Strategie Erfolg hat. Und selbst wenn ich das wollte, wäre es wohl effizienter, das Geld gleich an die SVP-Zentrale zu schicken.